Leerstand im Haus Stubenrauchstraße 69; Foto: Screenshot Video Dietmar Bührer
Leerstand im Haus Stubenrauchstraße 69; Foto: Screenshot Video Dietmar Bührer | Bild: Foto: Screenshot Video Dietmar Bührer

- Stubenrauchstraße 69

Ein prächtiges Wohnhaus in Friedenau verfällt. Die Eigentümerin saniert das Haus nicht, verkauft es aber auch nicht, sie lässt es verfallen. Die Besitzerin ist mit der Verwaltung ihrer Häuser komplett überfordert. Das Bezirksamt verhandelt mit dem Anwalt der Eigentümerin, damit ihr ein Betreuer an die Seite gestellt wird.

Video

Neugierig  tastet die Kamera die marode Jugendstilfassade des Hauses ab, gleitet über das hübsche Gesicht einer weiblichen Figur im Halbrelief, über marodes Gesims und seit Ewigkeiten offenstehende Fenster. Aber irgendwas passt hier nicht: Es ist die Musik, es ist Chopins großer Walzer. Die musikalische Fröhlichkeit wirkt wie Hohn angesichts dieser Tristesse. Texttafeln in dem Clip beschreiben die Geschichte des 112 Jahre alten Hauses und prangern den Leerstand an.

"Dieses Haus stirbt jeden Tag", sagt Dietmar Bührer, der dieses Video gemacht hat. Der 70-Jährige mit dem grauen Schnauzbart wohnt gegenüber. Er hat miterlebt, wie ein Mieter nach dem anderen auszog. Der letzte vor zehn Jahren, seitdem steht das Haus leer.

16 Wohnungen, ein Laden, 1.600 Quadratmeter in bester Friedenau-Lage. Die Eigentümerin saniert das Haus nicht, verkauft es aber auch nicht, sie lässt es verfallen. Schon 2013 hat Bührer das Video ins Netz gestellt, verbunden mit der Frage "Was sagen Berliner Politiker dazu?".

Leerstandsgruppe
Die pensionierte Lehrerin Ingrid Schipper hatte im Netz das Video "Ein Haus stirbt!" gesehen, Bührer kontaktiert und dann nicht lange gefackelt: Die 69-Jährige hat den Kampf gegen den Verfall des Hauses Odenwaldstraße 1 aufgenommen. Sie will die Eigentümerin bewegen, sich um ihr Haus zu kümmern. Im vergangenen Jahr gründete Frau Schipper die "Leerstandsgruppe".

Nicht "ökonomisch rational"
Einmal im Monat treffen sich die Aktivisten im Nachbarschaftsheim an der Holsteinischen Straße. Die Gruppe will den Zerfall des Hauses stoppen, eine  Luxussanierung verhindern und Spekulanten außen vor halten. Und am liebsten das Haus selbst wiederbeleben, sagt Schipper: "Wir haben schnell festgestellt, dass viele dort in einem Wohnprojekt wohnen würden. Wir haben viele Ideen von begrüntem Dach bis Fahrradwerkstatt im Keller, Kinderladen und Seniorentreff".

Die Aktivistinnen der Leerstandsgruppe haben schon versucht, mit der Eigentümerin des Hauses ins Gespräch zu kommen. Aber die 75-Jährige hat abgeblockt. Was treibt die Frau? Warum verzichtet sie seit Jahren auf Mieteinnahmen? Nicht nur in diesem Haus, sondern auch noch in zwei weiteren Häusern, die ihr gehören?

Stadträtin Christiane Heiß sagt auf Nachfrage im Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg: "Das Besondere an diesem Haus ist, dass die alte Dame sich nicht so ökonomisch rational verhält wie die Öffentlichkeit oder die Rechtssetzung das erwarten."

Ökonomisch nicht rationales Verhalten - im Klartext heißt das: Die Besitzerin ist mit der Verwaltung ihrer Häuser komplett überfordert. Und deshalb verhandelt zurzeit das Bezirksamt mit dem Anwalt der Eigentümerin, damit ihr ein Betreuer an die Seite gestellt wird.

Aber warum ist man nicht schon vor zehn Jahren gegen den Leerstand vorgegangen? Die Antwort ist verblüffend. Stadträtin Christiane Heiß verweist darauf, dass es "aufgrund der nicht vorhandenen Wohnraummangellage nicht opportun erschien, Maßnahmen bei leerstehenden Wohnungen durchzuführen". So steht es in den Ausführungsvorschriften des Wohnungsaufsichtsgesetzes: nicht opportun, Maßnahmen durchzuführen. Gezeichnet hat der damalige Senator für Stadtentwicklung.

Es war also politisch gewollt, der Eigentümerin der Odenwaldstraße 1 nicht auf die Füße zu treten. Mittlerweile aber gibt es wieder Wohnraummangel, inzwischen gilt in ganz Berlin das sogenannte Zweckentfremdungsverbot. Damit soll erreicht werden, dass Wohnungen auch zum Wohnen genutzt werden. Ein stumpfes Schwert. Auch ein Bußgeld des Bezirksamts hat die Eigentümerin der Odenwaldstraße 1 nicht beeindruckt. Und gegen ein Zwangsgeld hat sie Widerspruch eingelegt.

So ist der Rechtsstaat, er schützt - auch diese Eigentümerin. Eine schnelle Lösung gibt es offenbar nicht. Selbst eine Enteignung würde Jahre dauern. Und deshalb wünscht sich Stadträtin Heiß vom neuen Senat die Möglichkeit, schneller auf Häuser wie dieses zugreifen zu können.

Mittlerweile aber ist die grüne Politikerin optimistisch, dass das Jugendstilhaus in der Odenwaldstraße irgendwann wieder bewohnt werden kann, wobei sie einschränkt:"Man kann dieses Haus dem Wohnungsmarkt zwar wieder zuführen, damit sind aber noch keine sozialverträglichen Mieten garantiert."

Wenn aber nicht zumindest der Verfall des Mietshauses bald gestoppt wird, dann bleibt wohl nur der Abriss der Odenwaldstraße 1.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Der ehemalige Wasserturm in Alt-Glienicke
radioBERLIN 88,8 / Miriam Keuter

Der ehem. Wasserturm in Altglienicke

Das Wahrzeichen von Berlin-Altglienicke wurde 1905/1906 erbaut. Die Brunnenanlagen wurden 1999 geschlossen. Jetzt hat der neue Eigentümer Pläne für die Nachnutzung des ehemaligen Wasserturmes.

Ehemaliger Milchhof in Heinersdorf

Zu DDR-Zeiten wurde hier Ost-Berlin mit Milch versorgt. Nach der Wende formierte sich die Emzett-Molkerei, eine Produktionsstätte der Meierei-Zentrale. Jedoch kam am 30. September 1996 die Schliessung.

Baustelle Fahd Akademie in der Charlottenburger Glockenturmstraße; Foto: radioBERLIN/Miriam Keuter
radioBERLIN/Miriam Keuter

Ehemalige Kita in der Glockenturmstraße im Westend

Bis 2006 war hier eine städtische Kita. Die saudische Regierung kaufte das Gelände und wollte dort Wohnungen für ihre Diplomaten und eine Schule für deren Kinder errichten. Doch jetzt haben sich die Pläne für die Nutzung des Gebäudes geändert. Der Bezirk will eine Grundschule.

Die Inenansicht des Reemtsma-Areals (Foto: Eckel PR)
Eckel PR

Reemtsma Areal

Rund 140 Millionen Zigaretten täglich wurden hier produziert. Lange passierte nichts auf dem Gelände. Doch jetzt konkretisieren sich die Pläne für einen Neunutzung. Die "Wohnkompanie" hat große Pläne und will am Standort mehrere hundert Millionen Euro investieren. Ende 2018/Anfang 2019 soll der erste Spatenstich erfolgen.

ehemalige Irakische Botschaft in Pankow; Foto: radioBERLIN/Doris Anselm
Foto: radioBERLIN/Doris Anselm

Die Botschaft des Irak in der DDR

In der Tschaikowskistraße gammelt der Plattenbau seit über 20 Jahren vor sich hin. Das Grundstück gehört dem Bund, das Gebäude dem Irak. Ob dort jemals ein Kulturzentrum entstehen wird, ist fraglich.