Beate Pflanz (Foto: rbb 88.8)
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- Das Leben danach? – vom LKW überrollt

Im Oktober 2017 änderte sich das Leben von Beate Flanz innnerhalb eines Augenblicks. Auf dem Weg zur Arbeit wurde sie von einem LKW überrollt. Im Gespräch mit Alex Schurig spricht sie darüber, wie sie den Unfall erlebte, wie sie sich im Krankenhaus mit einer einprozentigen Überlebenschance ins Leben zurück kämpfte und wie sie es schaffte, wieder Lebensmut zu fassen.

Der LKW, beladen mit 32 Tonnen Kies, bog damals rechts ab und überrollte sie. Sie lag 11 Monate und drei Tage im Krankenhaus, wurde künstlich beatmet, musste neu schlucken und sprechen lernen.

Beate hatte eine Überlebenschance von einem Prozent. Jetzt ist ihre rechte Seite komplett beeinträchtigt, das Bein am Oberschenkel amputiert, der Arm unbeweglich und die rechte Gesichtshälfte gelähmt.

Psychologische Hilfe bekam sie erst nach Monaten, der LKW-Fahrer allerdings sofort. Es gibt keinen Tag im Leben, an dem sie sich nicht wünscht, sie hätte es nicht überlebt.

Doch Beate hat nie aufgegeben und sich ins Leben zurück gekämpft. Jetzt plant sie eine Reise mit einem Dreirad über die Alpen.

 

Interview-Manuskript

Alexander Schurig
Frau Flanz, erinnern Sie sich noch an den Moment, als Sie der Lkw überrollte?

Beate Flanz
Ich weiß noch alles. Ich bin auf die Kreuzung zugeradelt, die Ampel war rot, ich hielt an. Als es grün wurde, fuhr ich geradeaus über die Straße. Und plötzlich sehe ich das Lkw-Führerhaus vor mir. Ich dachte nur: Was ist das für ein Idiot? Der fährt mich hier über den Haufen. Ich hab noch versucht, nach rechts auszuweichen - dann wurde mir schwarz vor Augen.

Alexander Schurig
Sie kamen am Unfallort wieder zu sich!

Beate Flanz
Als ich wach wurde, hatte ich ein Gefühl, als seien mir drei Zähne ausgefallen. Und ich dachte: Na, das ist ja nicht so schlimm. Ich hatte auch das Gefühl, dass mir etwas im Hintern steckt. Und ich dachte: Das ist wahrscheinlich der Sattel, von der Wucht reingedrückt. Ich wollte den Sattel mit einer Hand rausziehen, weil es so unangenehm war. Dann hörte ich aber eine männliche Stimme neben mir, die sagte: Bewegen Sie sich nicht, bleiben Sie ruhig liegen, atmen Sie tief durch, Hilfe ist schon unterwegs.

Danach verlor ich das Bewusstsein. Ich bin erst wieder im Krankenhaus aus dem Koma aufgewacht. Ich habe dann gemerkt, dass mir keine Zähne ausgefallen sind, sondern Teile meines Kiefers. Ich habe beim Unfall keinen einzigen Zahn verloren. Und in meinem Hintern steckte nicht der Sattel, sondern meine linke Hüfte. Sie wurde zertrümmert und schob sich von innen in meinen Hintern. Das hatte ich alles gemerkt.

Alexander Schurig
Sie waren insgesamt elf Monate im Krankenhaus, wurden "zusammengeflickt". Wie läuft so etwas juristisch nach so einem Unfall?

Beate Flanz
Mein Unfall war im Oktober 2017. Ich bin als Nebenklägerin angemeldet, aber bis heute hat mich noch kein Polizist vernommen, ich musste noch keine Zeugenaussage machen. Das fand ich auch etwas verwunderlich.

Alexander Schurig
In solchen Fällen gibt es für die Lkw-Fahrer psychologische Unterstützung. Haben Sie die auch bekommen?

Beate Flanz
Das ist kurios: Der Fahrer hat diese Hilfe innerhalb von ein bis zwei Wochen gekriegt. Er hat sie dankend abgelehnt, wurde mir mitgeteilt. Ich bin wirklich geschädigt, muss jeden Tag im Spiegel sehen, wie ich zugerichtet wurde. Bei mir hat es ein halbes Jahr gedauert, bis mir eine kompetente Psychiaterin an die Seite gestellt wurde. Es ist unglaublich. Man wird als Opfer von Verkehrsunfällen total alleine gelassen.

Alexander Schurig
Haben Sie den Fahrer kennengelernt, der Ihr Leben so massiv veränderte?

Beate Flanz
Nein. Ich habe die erste Zeit im Krankenhaus gehofft, erwartet, dass sich dieser Mensch meldet oder wenigstens seine Spedition. Das wenigstens eine Karte kommt, ein Blumenstrauß. Im Polizeibericht steht: 'Die Radfahrerin wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, Überlebenschancen gleich Null'. Es hätte auch sein können, dass ich nicht überlebe. Die hätten ja mal nachfragen können. Da kam nichts.

Alexander Schurig
Gab es in den elf Monaten einen Moment, wo sie sich gefragt haben: Warum hat er mich nicht voll erwischt, warum bin ich nicht tot?

Beate Flanz
Die Frage müsste andersherum sein: Welche Tage gab es, wo ich das nicht gedacht habe.

Alexander Schurig
Was hat Ihnen die Kraft gegeben, zu sagen: Super, dass ich überlebt habe?

Beate Flanz
Ich weiß es nicht. Vielleicht meine Freunde, meine 80-jährige Mutter, die jeden Tag in den elf Monaten bei mir war. Sie kam jeden Tag mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Marzahn nach Spandau und wieder zurück. Sie hat alle Hochs und Tiefs mitgekriegt - mehr Tiefs als Hochs. Aber ich weiß nicht, was mich dazu bringt, jeden Tag wieder aufzustehen und weiterzumachen.

Alexander Schurig
Haben Sie sich Ziele gesetzt, die Sie erreichen möchten?

Beate Flanz
Als ich aus dem Koma erwachte und wieder klare Gedanken fassen konnten, konnte ich das Ausmaß der Verletzungen nicht erahnen. Ich hatte relativ schnell mitgekriegt, dass mein Bein ab ist. Man weiß von den Paralympics und Hochglanzprospekten, welch tolle Prothesen es gibt. Also dachte ich: Na, dann krieg ich 'ne Prothese, und alles ist gut. Aber wie lange es dauert, bis eine Prothese angepasst ist und welche Schwierigkeiten damit verbunden sind, das weiß man vorher nicht.

Alexander Schurig
Sie haben eine Beinprothese und einen Arm, den Sie nicht benutzen können. Fahren Sie noch Fahrrad?

Beate Flanz
Das erste, was ich dachte, als ich aus dem Koma aufwachte und wieder Eins und Eins zusammenzählen konnte war: Ich muss wieder aufs Fahrrad. Ich hatte mir fünf Monate vor meinem Unfall ein neues Fahrrad gekauft, extra für mich angefertigt. Ich wollte die Welt auf diesem Fahrrad erobern, durch Afrika radeln. Als ich aufwachte, dachte ich: Das mache ich alles noch. Ich wurde dann immer deprimierter, weil ich merkte: Das geht gar nicht.

Dann besuchte mich eine Freundin und sagte: Ich habe dir was mitgebracht. Sie war in einem Fahrradladen, der Dreiräder herstellt. Dort hat sie gefragt, ob die für einen Menschen mit nur einem Arm und einem Bein ein Fahrrad bauen können. Die haben gesagt: Ja. Ich war völlig von der Rolle. Ich habe mir dann auf Youtube kleine Filme über diese Trikes angeschaut.

Alexander Schurig
Sie waren immer begeisterte Fahrradfahrerin, über 12.000 Kilometer im Jahr sind sie geradelt. Und jetzt wollen Sie mit dem Trike die Alpen überqueren?

Beate Flanz
Genau. Vor dem Unfall haben wir immer mit einer ADFC-Gruppe Touren über die Alpen gemacht, ich war auch ehrenamtliche Tourenleiterin. Das hat mir total Spaß gemacht. Und ich wollte auch nach dem Unfall wieder Spaß haben. Denn der Spaß ist mir genommen worden, der liegt immer noch auf der Konstanzer Straße, vom Regen in den Gulli gewaschen.

Ich muss auf etwas hinarbeiten, wo ich denke, das ist ein Teil von mir. So ein bisschen mein altes Ich. Ich habe mit vielen Leuten darüber gesprochen, auch den Prothesentechnikern. Denn ich wusste erst gar nicht, wie ich das umsetzen kann, auch mit den Hotelzimmern. Wenn ich die Prothese abnehme, sitze ich da und kann nichts mehr machen.

Ich brauche einen Rollstuhl, aber den kann ich schlecht ans Fahrrad binden. Und dann kam mir plötzlich die Idee: Ich brauche ein Begleitfahrzeug, wo das Fahrrad reinpasst, Rollstuhl, Ersatzprothese, Duschhocker, mein ganzer Krempel.
    
Alexander Schurig
Worauf freuen Sie sich am meisten bei der Fahrradtour? Den Wind, das Bergabfahren? Das Gefühl, aus eigener Kraft, etwas bewegt zu haben?

Beate Flanz
Von allem ein bisschen, auch auf das Gefühl, alte Ziele reaktivieren zu können. Und das, was ich machen wollte, umsetzen zu können, wenn auch viel aufwändiger. Darauf freue ich mich. Und auf die Gemeinschaft mit den anderen, nicht mehr außen vor zu sein. Kein Mensch, der nicht körperlich behindert ist, weiß, mit welchen Schwierigkeiten Behinderte konfrontiert werden.

Man fühlt sich raus aus der Gesellschaft, aus dem Leben katapultiert. Man lebt in der eigenen Welt und hat auch das Gefühl, die anderen wollen damit nichts zu tun haben, das ist ihnen zu aufwändig und zu schwierig. Durch diese Tour habe ich das Gefühl, ich komme wieder ein bisschen rein. Ich kann wieder am normalen Leben teilhaben.

Alexander Schurig
Vielen Dank für das Gespräch.